Ohne Titel

Tag 5

Ein starker Schmerz zieht sich durch mein Bein bis zur Hüfte. Ich muss gestürzt sein. Ich versuche mich aufzurichten, doch mein Körper gehorcht nicht. Erschöpft breche ich wieder zusammen. Ich liege auf dem Schnee und das in einer Jeansjacke! Wenn ich hier je wieder wegkomme, kaufe ich mir passende Klamotten. Doch dafür muss ich erst mal hier weg. Die Kälte frisst sich durch den Stoff, meine Haut bis zu den Knochen. Langsam setzt es wieder an zu schneien. Ich muss hier weg. Sofort!

Ich spüre meine Glieder kaum mehr, lange halte ich es hier nicht mehr aus. Mein Körper gibt nach und mir  wird schwindlig.

Ich habe die Augen geschlossen, meine Mutter summt leise ein Lied vor sich hin. Mein Vater lacht herzlich und ich liege da.

Ein grelles Licht leuchtet auf, ich reisse die Augen auf.

Quietschende Reifen. Ein lauter Knall. Das heisere Aufkreischen meiner Mutter. Ein ersticktes Stöhnen meines Vaters. Blut spritzt, das Klirren von Glas. Ein erschrockener Schrei.

Ich öffne die Augen: «Mom? Dad?». Keine Antwort.

Ein gellendes Wiehern zerreisst die Luft. Ich schlage die Augen auf und sehe ihn. Ísblær. Er sieht, so wie er da steht im Schneegestöber, aus wie ein Fels in der Brandung. Er trägt weder Sattel noch Zaumzeug. Wie ist er das losgeworden? Und wo ist das jetzt? Darüber kann ich später mal nachdenken, wenn ich das hier überlebe. Er geht auf mich zu und legt sich neben mich hin. Ich kann keine Pferdesprache, aber das sehe ich mal als Einladung. Vorsichtig ziehe ich mich auf ihn rauf und kralle mich in seiner Mähne fest.

Schritt für Schritt geht er voran. Ich friere, doch sein dichtes Fell wärmt mich. Nach einer schier endlosen Zeit erreichen wir das Gestüt. Wo vorhin noch geschäftiges Treiben war, ist jetzt nur Stille. Niemand ist zu sehen und ich lasse Ísblær in den Stall gehen. Gleite von seinem Rücken, lasse mich ins Stroh fallen und schliesse die Augen.

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