Tag 4
Der Mann führt ein Islandpferd neben sich her. Doch das buckelt, steigt und weigert sich strikt, mitzugehen. In dem Moment, in dem ich dem Tier in die Augen sehe, erstarre ich.
Angsterfülltes Wiehern, eine Hand an meinem Arm, ein Ruf, den ich nicht verstehe. Hitze. Ich kriege keine Luft. Finger, die einander festhalten. Nur ein Wunsch.
«Ísblær». Erschrocken weiche ich zurück und merke, wie der Mann mir die Zügel des wilden Pferdes entgegenstreckt. «Hestinum þínum.» Mein Pferd! Das wilde Tier soll mein Pferd sein? Ich kann nicht einmal reiten!
Ich strecke dem Mann die Zügel wieder hin, doch der ist einfach weg. Na grossartig. Gut, dann reite ich das Tier eben, die werden schon sehen, dass ich das nicht kann. Dann muss ich es wenigstens nie wieder tun.
Ich schwinge mich in den Sattel und das Pferd schiesst los. Es rast auf einen Zaun zu und mein Gehirn schaltet sich im selben Moment ab, in dem das Pferd sich vom Boden abstösst. Doch mein Körper lässt mich nicht im Stich. Ganz automatisch gehe ich in den leichten Sitz und lande sicher auf der anderen Seite.
Ich schliesse die Augen und Tränen laufen mir über die Wangen.
Quietschende Reifen. Ein lauter Knall. Das heisere Aufkreischen meiner Mutter. Ein ersticktes Stöhnen meines Vaters. Blut spritzt, das Klirren von Glas. Ein erschrockener Schrei.
Ich öffne die Augen: «Mom? Dad?». Keine Antwort. Ich sehe, wie ein Mann in Polizeiuniform mich ansieht. Er schaut mich an, als würde er überlegen, ob ich die Nachricht, die er für mich hat, verkraften kann. Dann schüttelt er den Kopf. Meine Eltern sind tot. Ich bin ein Weise. Mein Leben ist zerstört. Ich wünschte, ich wäre tot.
Höllische Schmerzen durchfahren mich und mir wird schwarz vor Augen.
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