Tag 3
Ein Mann mit langem, grünem Mantel steht bei einem moosgrünen Toyota Land Cruiser. Er sieht mich an und winkt mich zu sich. Ich werde also doch erwartet? Aber warum, wenn die Austauschorganisation doch gar nicht existiert? Als ich neben ihm stehe, murmelt er nur etwas vor sich hin, bei dem ich nicht einmal sagen kann, ob es isländisch ist. Doch er öffnet die Beifahrertür und ich setze mich. Auf seiner Jacke steht Arnar. So heisst er also.
Der Wagen fährt an und das gleichmässige Ruckeln der Schlaglöcher bemerke ich schon bald nicht mehr. Völlig erschöpft von der langen Reise sinke ich in einen tiefen Schlaf. Ruckartig öffne ich die Augen und fahre alarmiert hoch. Ein Auto steht quer vor uns auf der Strasse und qualmt beachtlich.
Doch anstatt auszusteigen, um zu helfen, fährt Arnar einfach auf die Wiese und umfährt den Wagen. Verwirrt sehe ich ihn an, doch er erwiderte meinen Blick nicht. Seine anfängliche Gelassenheit und freundliche Ausstrahlung waren verschwunden, stattdessen strahlt er Anspannung und Nervosität aus.
Nach einer langen Autofahrt kommen wir endlich auf dem Gestüt an. Es ist gross, mit einem Reitplatz und einem Round-Pen. Ein grosser Stall, der offen und geräumig wirkt, ist gleich daneben und hinten ist ein Haus, aus Holz, das gemütlich aussieht. Eine Scheune steht etwas weiter hinten. Überall sind Pferde. Auf Koppeln, an Anbindestellen oder sie werden herumgeführt. Die Tiere haben alle ein langes, kuschlig aussehendes Fell, sind eher klein und kräftig, mit einer dichten, voluminösen Mähne.
Ernsthaft jetzt? Pferde? Und ich dachte es kann nicht mehr schlimmer kommen. Arnar steigt aus und ich folge ihm. Er führt mich zu dem grossen Haus und klopft an. «Komið inn, hurðin er opin», er öffnet die Tür und ich überlege, was das eben Gehörte heissen könnte.
Wir betreten ein mit Holz ausgekleidetes, geräumiges Wohnzimmer. Ein grosser Esstisch steht weiter hinten, daneben führt eine Treppe nach oben. Eine Frau, ca. 45 Jahre alt, sitzt am Esstisch und schaut erst Anar dann mich an. Sie schaut mir tief in die Augen und ich habe das Gefühl, ich könnte kurz in ihre Gedanken blicken. Angst und Trauer sehe ich in ihren Augen, bevor sie zu lächeln beginnt und mit ausgestreckten Armen auf mich zugeht. Sie schliesst mich in ihre Arme, doch der Ausdruck in ihren Augen bleibt.
«Hæ, ég heiti Elín. Þú hlýtur að vera Mæja Víðisdóttir. Komdu upp, ég skal sýna þér herbergið þitt. Skiptu um föt og komdu svo niður. Við höfum þegar söðlað hest fyrir þig – þá geturðu riðið af stað strax.» Sie lächelt mich an und geht nach oben. Ich folge ihr verunsichert. Was hat sie gesagt und wer ist sie? Ich hasse isländisch, man versteht einfach nichts!!!
Mein Zimmer ist hübsch und geräumig. Ein breites Bett, ein schöner Holzschrank, Bilder von Pferden und ein Schreibtisch. Alles schön dekoriert und mit allem, was man braucht. Ich habe mir meine Lieblingsjeans, einen passenden Gürtel, ein T-Shirt und eine Jeansjacke angezogen.
Jetzt stehe ich vor dem Eingang des Stalls und warte, bis der junge Mann wieder zurückkommt, der mir vorher bedeutet hatte, zu warten. Das muss Aron sein, der älteste Sohn der Familie. Dann gibt es noch eine jüngere Schwester, Lilja. Da sehe ich ihn die Stallgasse entlanggehen und erstarre.