Ohne Titel

Tag 21

Ich wippe von einem Fuss zum anderen. Wann kommen die denn endlich? Ich habe die ganze Familie ins Wohnzimmer bestellt. Jetzt mache ich reinen Tisch und das ein für alle Mal.

Jónas und Elín treten gleichzeitig ein, hinter ihnen Lilja und Aron, danach Arnar. Ich bedeute den fünf Platz zu nehmen und fange sofort an. «Ich habe euch alle hierher geholt, weil ich finde, ihr habt alle das Recht zu erfahren, was in der Nacht vom 3. Januar 2021 passiert ist.»

Die Familie erstarrt. Sie hatten so lange versucht, alles zu verdrängen, doch jetzt stand dieses Mädchen in ihrem Wohnzimmer und zwang sie, wieder daran zu denken. «Ihr alle wisst, dass ich damals auch hier auf dem Gestüt war, mit meinen Eltern. In der Nacht waren Sól und ich zusammen. Wir waren in der Scheune, als plötzlich eine Gestalt hereinkam. Sól versuchte, sie zu vertreiben, doch die Gestalt blieb. Sie drängte mich an den Rand, unter mir Feuer. Die Gestalt wollte sich an mir rächen. Sie zog ein Messer und legte es mir an die Kehle. Sól stürzte sich auf die Gestalt, doch die war schneller und stiess mich in den Abgrund. Und diese Gestalt ist jetzt unter uns.»

Ich spüre, wie alle im Raum den Atem anhalten. Sie wussten es nicht. Da streift mein Blick Arnar. Ich sehe ihm mit eisernem Blick in die Augen. Da bricht er zusammen: «Ich dachte… Ich rette sie … Ich war jung … ich hatte Angst…». Die Familie drehte die Köpfe und sah ihn entgeistert an. «Erzähl ihnen, was danach geschehen ist», forderte ich ihn kühl auf. «Sól dachte Maya sei tot. Sie war entsetzt und völlig in Panik. Sie dachte, sie habe Maya umgebracht. Noch in derselben Nacht ist sie geflohen. Sie war gebrochen, ich konnte nichts tun…». «Du hast unsere Tochter getötet!», fuhr Jónas wütend auf. Elín weinte leise, Lilja liefen Tränen über die Wangen und Aron war in Schockstarre.

Ich erhebe meine Stimme wieder. «Ich habe noch zwei Fragen. Habt ihr mich wiedererkannt, und wenn ja, warum habt ihr mir nichts erzählt und warum habt ihr erst jetzt Deutsch mit mir gesprochen, obwohl ihr wusstet, dass ich kein isländisch spreche?» Elín meint leise: «Ja, wir haben dich wiedererkannt, wollten aber nicht, dass du dich daran erinnerst, deswegen haben wir auch kein Deutsch gesprochen. Nach dem Unfall ging es dir sehr schlecht. Ausserdem dachten wir alle, dass du Sól getötet hast, und wollten dich nicht als Mörderin darstellen.» Ich nicke und gehe auf Arnar zu, leise flüstere ich: «Warum hast du mich in der abgebrannten Scheune bedroht? Ich weiss, dass du das warst. Deine Beule am Hinterkopf beweist es. Da hat Ísblær dich erwischt.» «Ich… Ich habe gewusst, dass du die Einzige bist, die die Wahrheit herausfinden kann und wird. Ich kann die Wahrheit nicht ertragen… Ich wollte verhindern… Es sollte niemand wissen, was ich getan habe.» Er senkt den Blick und schweigt. «Warum hast du mich am Flughafen erwartet? Woher wusstes du das ich komme?», frage ich scharf. Es ist eine Frage, deren Antwort ich schon seit dem Beginn meiner Reise wissen wollte. «Ich habe einen Zettel gefunden, auf dem stand ich solle jemanden am Flughafen abholen. Ich wusste nicht, dass du das bist».

Ich verlasse den Raum, in dem Wissen, dass sie mir vielleicht jetzt nicht glauben. Dass sie mir vielleicht nie glauben werden.

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