Tag 15
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wecken mich. Ich schlage die Decke weg und stehe auf. Mein Weg führt mich als Erstes zum Fenster. Schwungvoll ziehe ich den Vorhang zur Seite und blinzle in das helle Tageslicht. Mein Blick fällt nach draussen. Es schneit. Überall liegt eine dünne Schicht Schnee, als hätte jemand Puderzucker verstreut. Wunderschön.
Heute muss ich mich um Ísblær kümmern. Das kann ja was werden. Ich schlüpfe in Jeans und Pullover und laufe nach draussen zum Stall. Es herrscht schon reges Treiben, und ich überlege mir, wo ich ihn wohl am besten bewegen kann. Auf dem Platz bestimmt nicht, also bleibt mir nichts anderes übrig, als nach draussen zu gehen. Ich ziehe ihm ein Halfter über. Ich weiss weder, wie ich ihn anbinden, noch wie ich ihn putzen muss, geschweige denn, wie man sattelt und aufzäumt. Aber jemanden um Hilfe zu bitten, kommt nicht infrage. Es wird auch so gehen. Hoffe ich.
Ich führe ihn bis kurz vor den Hof. Als mir ein Mädchen entgegenkommt. Sie hat braune, verstrubbelte Haare und ein verschmitztes Lächeln. Das ist bestimmt Lilja, die jüngste Tochter der Familie. Sie schaut mir prüfend in die Augen, mit demselben Ausdruck wie Elín bei meiner Ankunft. Angst und Trauer.
«Ísblær kom ekki til þín að ástæðulausu. Hann hefur borið þig einu sinni áður. Hann mun bera þig aftur núna», Sie verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Ich schaue ihr verdattert nach. Sie sagte: «Ísblær ist nicht ohne Grund zu dir zurückgekommen. Er hat dich schon einmal getragen. Er wird dich jetzt wieder tragen». Hat sie recht? Wird der Hengst mich tragen? Ich nehme all meinen Mut zusammen und schwinge den Strick über seinen Hals, stosse mich vom Boden ab, schwinge mich auf den Pferderücken und klammere mich in seiner Mähne fest. Der Hengst geht langsam los, immer schneller, bis er galoppiert. Der Schnee wirbelt um mich herum und ich fühle mich frei.
Der Wind weht meine Haare nach hinten und Ísblærs Mähne schlägt mir ins Gesicht. Plötzlich spüre ich die Sonne auf meiner Haut, ich trage kurze Hosen und ein luftiges Shirt. Jemand lehnt den Kopf an meine Schulter. Ruhig und vertraute Atemzüge sind zu hören. Ich schliesse die Augen und lausche darauf. Gleichbleibend, ruhig, stark. Unerschütterlich.
Ich öffne meine Augen wieder. Die Sonne ist verschwunden, ich trage wieder meine dicke Jacke und eisige Luft wirbelt mir ins Gesicht. Schnee, überall. Winter. Erst jetzt fällt mir ein, dass in wenigen Tagen Weihnachten ist.