Ohne Titel

Tag 12

Ísblær stösst seinen Kopf an meine Schulter. Ich drehe den Rücken zu ihm und schaue in die Richtung, in die er mich gestossen hat. Es ist eine normale Boxenwand aus Holz. Ich lasse meinen Blick darüber schweifen und entdecke ganz unten eine Nische. Vorsichtig kauere ich mich hin und lasse meine Finger langsam in der Öffnung verschwinden. Papier. Ich ziehe an dem Bündel und befördere es ans Licht. Ich schlage die erste Seite auf.

Tagebuch von Sól

Ich lasse meine Finger durch die Seiten gleiten. Sie sind leer. Doch da eine einzige Seite ist beschrieben, in einer krakeligen Handschrift,

Ich spüre den warmen Atem von Ísblær hinter mir. Er sieht mich an, als würde er sagen, ich solle mich erinnern. Mein Herz hämmert unregelmässig gegen meine Brust, es fühlt sich an, als würde es gleich platzen. Was ist damals passiert? Wer ist «sie»? Was auch immer die Antworten auf diese Fragen sein mögen. Eins ist klar: Sie hatte Schuldgefühle. Sie wollte weg. Dieses Tagebuch hätte niemand im Stall verstecken müssen, ausser sie selbst. Die Familie hat diesen Eintrag hier nie gelesen. Sie hätten ihn nicht hiergelassen. Er wurde von jemandem so platziert, dass ich es finden sollte.

Sól.

Mein Blick bleibt am Datum hängen, und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

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