Tag 1
Ich sitze nun schon seit über zweieinhalb Stunden in diesem engen, stickigen Flugzeug und warte darauf, dass meine Sitznachbarn ihre Kinder in den Griff kriegen, was leider nicht sehr wahrscheinlich ist. Und genau so lange wie ich hier sitze, halte ich schon diesen verdammten Brief in der Hand. Unabhängig davon, wie oft ich ihn lese: Ich kann es einfach nicht glauben.
Ich soll nach Island, eine Insel irgendwo im Nichts, auf der ich höchstwahrscheinlich weder Handyempfang noch sonst irgendetwas haben werde. Das Einzige, was es dort gibt, ist Schnee und Eis.
Ich fröstle nur schon beim Gedanken daran, mein Auslandssemester in einer Gletscherhöhle zu verbringen.«Wähhh!!!!» kreischt das kleine Kind neben mir schon wieder auf und beginnt zu würgen. Die Mutter des Kindes ist jedoch mit dem anderen Kind gerade auf die Toilette und ich kenne mich definitiv nicht mit kleinen Kindern aus, was ich jedoch schon gleich bereuen werde, denn das Kind kotzt mir einmal über die Jeans. Entsetzt springe ich auf. Meine ganze Hose ist jetzt überzogen mit Kotze. Da kommt die Mutter des Kindes zurück und schaut erst mich, dann ihr Kind an.
«Fyrirgefðu. Þetta gerist ekki aftur, þarftu klút?», meint sie auf Isländisch und schaut mich mitfühlend an. Ich schaue ihr nur verwirrt ins Gesicht. Was sollte das nur heissen, aber so wie sie mich ansieht, erwartet sie offenbar eine Antwort. Also nenne ich das einzige isländische Wort, das ich kann, und sage: «Takk», was «Danke» heisst, und sie streckt mir ein Tuch entgegen. Naja, wenigstens kann ich mir damit die Hose etwas abputzen.
Ich setze mich gerade wieder auf den Stuhl, als ich bemerke, dass ich den Brief fallengelassen habe. Entsetzt taste ich den Boden danach ab, doch da liegt er nicht. Mist! Seufzend setzte ich mich wieder auf und lasse mich in den Sitz sinken. Da bemerke ich, wie das Kind neben mir mit einem weissem, langem, dünnen Gegenstand spielt. Mein Brief! Erfreut greife ich danach, aber das Kind lässt nicht los. Ich ziehe und zerre, doch das Kind lässt nicht nach. Genervt versuche ich, das Kind zu kitzeln, und siehe da, es quietscht auf und lässt den Brief augenblicklich los. Vorsichtig falte ich ihn auseinander und lese ihn mir bestimmt zum hundertsten Mal durch.
Liebe Frau Maya Whittaker
Es freut uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihr Auslandssemester stattfinden kann. Island ist ein wundervoller Ort, an dem Sie bestimmt einiges lernen und wichtige Erfahrungen für Ihr späteres Leben sammeln können. Ihre Gastfamilie wird Ihnen ein wundervolles, behagliches Zuhause geben, und Sie werden sich mit den drei Kindern der Familie bestimmt schnell eingewöhnen und eine traumhafte Zeit verbringen. In der angehängten Datei finden Sie alle Details über Ihre Anreise und Abreise und andere wichtige Informationen.
Liebe Grüsse
Samantha Reeves, Exchange Program Coordinator at LinguaWays International.
S. Reeves, 1. Dezember 2025
LinguaWays International. Mein Blick bleibt an diesem Wort hängen. Ich habe das sichere Gefühl, dass an diesem Namen etwas nicht stimmt. Doch was? Bevor ich mir hier noch weiter den Kopf zerbreche, ziehe ich mein Handy aus der Tasche und gebe «LinguaWays International» als Suchbegriff ein.
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